Grenzaun Serbien-Ungarn, Juli 2015

#noborders #refugeeswelcome

Ein bulgarischer Grenzzaun, knapp 30 Kilometer lang und 4,8 Millionen Euro teuer, gegen Menschen, die vor Bürgerkrieg fliehen. Ein ungarischer Grenzzaun, 175 Kilometer lang und vier Meter hoch, gegen Menschen, die vor Terror fliehen. Ein spanischer Grenzzaun, 11 Kilometer lang und sieben Meter hoch, gegen Menschen, die Zuflucht in Europa suchen. So sieht die neue Wirklichkeit an den europäischen Grenzen aus.

Und es geht weiter: An der Grenze zu Bulgarien sollen schon bald weitere 130 Kilometer Grenzzaun folgen. In Ungarn ist der genannte Grenzzaun zwar noch ein «Traum» des rechts- konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, doch die Finanzierung steht bereits – 21 Millionen Euro Baukosten wurden eingeplant –, und einem baldigen Baustart steht nichts mehr
 im Weg. Und Melilla, die spanische Exklave auf afrikanischem Kontinent, ist bereits seit 2009 gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Während vor etwas mehr als zwanzig Jahren die letzten Reste der Grenzanlagen aus dem Kalten Krieg entsorgt wurden, baut Europa heute wieder einen eisernen Vorhang auf. Damals glaubte und träumte man von einer offenen Welt. Nur zwanzig Jahre später haben viele Angst vor einer offenen Welt.

Ist dieser Traum wirklich bereits gestorben? Oder wofür bauen wir heute in Europa wieder Zäune? Und wovor fürchten wir uns eigentlich, dass wir Schutz hinter Stacheldrähten suchen? Nein, den Glauben an eine offene und tolerante Welt lasse ich mir nicht nehmen. Obwohl jeder neue Kilometer europäischer Grenzzaun das friedliche Zusammenleben und eine offene und solidarische Welt bedroht, ist klar: Europa braucht keine Zäune zur Abschreckung und Abschottung, sondern Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen in Not.

Doch die momentane Flüchtlingspolitik der europäischen Länder steht nicht für Offenheit und Solidarität. 
Im Gegenteil. Die provisorischen Bauarbeiten an der ungarisch-serbischen Grenze erinnern vielmehr an den Bau der Berliner Mauer. Vor etwa fünfzig Jahren baute man ebenfalls zunächst provisorische Grenzanlagen, welche später durch eine Ziegelmauer und schlussendlich durch Betonelemente ersetzt wurden. Diese Mauer trennte fortan die Welt in Ost und West.
In Gut und Böse. Und auch die heutigen Zäune trennen die Welt – in Reich und Arm. Ein fataler Fehler.

Grenzen zu schliessen und zu kontrollieren, funktioniert nicht und ist weder human noch realistisch.

So kommen renommierte Migrationsforscher zum Schluss, dass Europa seine Grenzen vollständig öffnen und alle Flüchtlinge aufnehmen sollte. Damit könnte zum einen das Geschäftsmodell der Menschenschlepper vernichtet und zum anderen das tödliche Risiko für die fliehenden Menschen minimiert werden. All jene, welche sich jetzt bereits davor fürchten, dass es dann zu einem gewaltigen Zustrom neuer Flüchtlinge kommen würde und die «ganze» Dritte Welt nach Europa emigriert, können beruhigt werden. Denn ohne Not kommt niemand. Nein, die aktuellen Flüchtlingszahlen sind nicht so tief, weil die Grenzen dicht sind. Die sind ja gar nicht dicht. Sie müssen beispielsweise nicht jedes Mal ihre Ausweispapiere vorlegen, wenn sie für ein Shoppingerlebnis die schweizerisch-deutsche Grenze passieren. Und ja, Europa hat Erfahrungen mit offenen Grenzen. Dennoch wurde die Schweiz – trotz des Wohlstandsgefälles im frei- zügigen Europa – nicht von Spaniern und Griechen überrannt. Denn niemand verlässt seine Heimat und seine Familie ohne Not.

Die Flüchtlingspolitik der Abschreckung und Abschottung funktioniert nicht. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Situation an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Die USA errichteten unter enormen Kosten einen 1125 Kilometer langen, mit Kameras, Sensoren und Drohnen ausgestatteten Zaun. Während weiterhin pro Jahr 350 000 Lateinamerikaner illegal die Grenze passieren, sterben gleichzeitig 500 Menschen an eben dieser Grenze. Die Geschichte und die Gegenwart lehren uns: Grenzen zu schliessen und zu kontrollieren, funktioniert nicht und ist weder human noch realistisch.

Europa braucht endlich eine solidarische, hoffnungsvolle und humane Flüchtlingspolitik. Denn ohne Not kommt niemand, aber wer in Not ist, soll kommen können. Oder wie man es auf den Social-Media-Plattformen ausdrücken würde: #noborders #refugeeswelcome

Diese Kolumne von Seraina Fürer ist am Samstag, dem 05. September 2015, in den Schaffhauser Nachrichten erschienen.

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